Interview mit Bernhard Trenkle

 

Lieber Herr Trenkle, Sie sind weltweit einer der zentralen Vertreter, der Ideen von Milton Erickson. Wenn Sie es auf den Punkt bringen müssten: Was ist für Sie der zentralste Gedanke?

Das zentrale Konzept des Erickson-Ansatzes ist Utilisation. Das heißt sowohl in Therapie wie Beratung wird alles – inklusive negativen Persönlichkeits-eigenschaften – zur Erreichung der Ziele des Klienten genutzt. Da Milton Erickson Psychiater war stammen die spektakulärsten und illustrativsten Beispiele aus seiner psychiatrischen Arbeit. Ein Patient aus der stationären Psychiatrie glaubt er sei Jesus. Er hüllt sich in weiße Betttücher und nervt alle mit seinem Verhalten. Milton Erickson spricht ihn an: "Ich habe gehört sie haben Erfahrung als Zimmermann.  Nun – wer Sohn von Josef sein will, sollte etwas Erfahrung als Zimmermann haben." Der Patient bejahte dies und Erickson beauftragte ihn ein in der Klinik benötigtes Bücherregal zu zimmern. Das war der Beginn einer konstruktiven Entwicklung zurück ins Leben. Dieses Utilisation-Konzept war der Startpunkt von dem, was wir heute im Coaching als Ressourcenorientierung oder als  potentialorientiertes Arbeiten bezeichnen. Das findet sich bei Erickson schon zu Beginn seiner Arbeit Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.

 

Der Titel unserer Netzwerkveranstaltung dimension21 exchange lautet ja "Starre Muster - ungewöhnliche Interventionen: Unternehmenskulturen in Bewegung bringen". Können Sie den Musterbegriff auf der individuellen und organisationalen Ebene an jeweils einem Bespiel verdeutlichen?

Ich habe zwischen 1990 und 2011 insgesamt 4 deutsch-nepalesische Ärzte und Psychologen-Kongresse in Kathmandu organisiert. Dabei habe ich 2011 einen Arzt in seiner Praxis besucht, bei der seit 600 (!) Jahren die Praxis immer vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde. Der Arzt öffnete seine Schatzkammer und zeigte uralte einwandfrei erhaltene Medizinbücher – in Sanskrit auf Palmblätter geschrieben. Er meinte, dass er von einigem wohl das letzte erhaltene Exemplar habe. Das ist ein Beispiel wie sich ein individuelles mit einem familiären Organisationskonzept konstruktiv verbindet. Jeder von uns kennt bei Familienbetrieben Beispiele, bei denen die Weitergabe an die nächste Generation sich weitaus schwieriger gestaltet. In einer sich rasch ändernden Welt mit sich rasant entwickelnder Technik veraltet Know-How schnell.  Mein technisches Wissen aus meinem Wirtschaftsingenieurstudium in den 70er Jahren in Bezug auf Informatik und Computer ist heutzutage sehr wenig relevant.  Wenn der Seniorchef mit seinen eingespielten alten Mustern nicht mehr zeitgemäß ist und das Zepter oder wenigstens einen Teil seiner Macht nicht rechtzeitig der nächsten Generation überlässt, dann kann heute eine Firma am Markt schnell abgestraft werden.

 

Wir machen in der Beratung und im Coaching immer wieder die Erfahrung, wie schwer das Verändern von individuellen und organisationalen Mustern ist. Woran liegt das Ihrer Meinung und was wäre ein erster Hinweis, wie Musterveränderung gelingen kann?

Wir Menschen sind schon so etwas wie Gewohnheitstiere. Ich hatte mal nur 3 Wochen ein teilweise eingegipstes Bein. Als mir der Gips abgenommen wurde, kam es mir anfangs fremd vor. Obwohl ich Jahrzehnte vorher immer ohne Gips unterwegs war. Während meiner Zeit an der Uniklinik in Heidelberg habe ich auch an der Logopädie-Schule unterrichtet wie man erwachsene Stotterer behandelt. Die angehenden Logopädinnen inkl. mir gingen in kleinen Gruppen auf die Straße und in Geschäfte, um absichtlich zu stottern. Dieses absichtliche Stottern ist ein zentrales Element des sogenannten Nicht-Vermeidungs-Ansatzes. Eine sehr selbstbewusste angehende Logopädin hat im Kaufhaus absichtlich heftig stotternd nach einem Produkt in der Schreibwarenabteilung gefragt. Am selben Tag einige Stunden später war sie wieder dort, weil sie wirklich etwas einkaufen wollte. Als der Verkäufer sie ansprach, drehte sie sich um und verließ das Kaufhaus. Wie sie uns schilderte, dachte sie, dass der es komisch finden könnte, wenn sie morgens stark stottert und mittags normal redet.  Wer morgens A stottert, muss  mittags auch B stottern. Dies zeigt wie schnell sich ein Muster aufbaut und nach diesem Erlebnis habe ich meine Klienten und ihre Widerstände besser verstanden, wenn sie erstmal veränderungsresistent sind. Es hat einmal einer gesagt: Wenn heute zwei Reaktionen gleich stark sind, ist morgen die ältere die stärkere Reaktion.

 

Sie arbeiten ja viel mit Humor und Witzen: Hätten Sie zum Abschluss des Interviews eine Kostprobe?

Der kleine Sohn interessiert sich schon früh für das Geschäft. Er hat auch schon verstanden, dass er mal das vom Großvater gegründete Geschäft übernehmen soll. Er fragt den Vater: "Papa – was ist das eigentlich: Geschäftsethik?", „Puuh“ sagt der Vater, „wie soll ich dir das jetzt erklären? Also, ich mach Dir mal ein Beispiel. Wenn also ein Kunde zu uns ins Geschäft kommt und etwas für 10 Dollar kauft. Und er gibt mir einen Hundert-Dollar-Schein. Nun – ich merke, dass er gar nicht damit rechnet Rausgeld zu bekommen. Er denkt offensichtlich, dass er mir 10 Dollar gegeben hat. Hier beginnt nun die Ethik. – Teilen wir die 90 Dollar mit unserem Geschäftsteilhaber oder nicht."

 

Vielen Dank, Herr Trenkle!

 

Das Gespräch führte Dr. Christian Kuhlmann, geschäftsführender Gesellschafter der dimension21 GmbH. Mehr über Bernhard Trenkle erfahren Sie hier:

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